Du weißt ja nicht, was du willst
„Du weißt ja nicht, was du willst.“ Diesen Satz hat vermutlich fast jeder schon einmal gehört oder selbst gesagt. Er fällt oft in Situationen, in denen jemand nicht klar erkennen lässt, was er eigentlich will. Ich möchte da einmal genauer hinschauen, denn ich habe ihn durchaus auch schon zu hören bekommen.
Wenn ich zurückdenke, ging es bei meinem Hin und Her allerdings eher selten darum, dass ich nicht wusste, was ich wollte. Meistens war mir das ziemlich klar. Schwieriger wurde es, sobald andere Menschen ins Spiel kamen. Dann war die Frage nicht mehr nur: Was will ich? Sondern auch: Was bedeutet meine Antwort für den anderen? Wird sie ihn enttäuschen, verletzen, verärgern? Was wird er anschließend über mich denken? Und manchmal, um ein anderes geflügeltes Wort zu bemühen: Wie komme ich aus dieser Nummer wieder raus, ohne mein Gesicht zu verlieren und ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen? Ich wollte zu Hause bleiben und zugleich nicht unhöflich wirken. Ich wollte eine Bitte ablehnen und wusste, dass der andere auf mich zählte. Aus einer zunächst einfachen Frage wurde eine Rechnung mit mehreren Unbekannten. Schon die Vorstellung, jemanden zu enttäuschen, genügte manchmal, um meine erste Antwort ins Wanken zu bringen. Dazu brauchte der andere noch gar nichts gesagt zu haben.
Auch der Wunsch, jemanden nicht zu enttäuschen, kann durchaus zum eigenen Wollen gehören. Man möchte seine Ruhe und möchte zugleich für einen anderen da sein. Beides kann einem wichtig sein. Rücksicht kann dazu führen, dass man etwas tut, worauf man zunächst keine Lust hatte, und es trotzdem gern tut. Doch oft beginnt die Auseinandersetzung schon, bevor der andere überhaupt etwas gesagt hat. In Gedanken höre ich seinen Vorwurf, sehe seine Enttäuschung und überlege, was er wohl über mich denken wird. Vielleicht kenne ich ihn gut genug, um seine Reaktion einigermaßen einschätzen zu können. Trotzdem findet das alles bislang nur in meinem Kopf statt. Und schon bekommt eine Reaktion, die es noch gar nicht gegeben hat, so viel Gewicht, dass mein eigener Wunsch dagegen kaum noch bestehen kann.
Am Ende steht ein Ja. Man geht hin, hilft, erledigt etwas. Später kann Ärger entstehen. Etwas anderes ist liegen geblieben, eine Verabredung wurde abgesagt oder der freie Nachmittag ist dahin. Dieser Ärger richtet sich gern gegen den anderen: Wegen seiner Bitte ist man wieder nicht zu dem gekommen, was man eigentlich vorhatte. Dabei hat er womöglich nur gefragt und das Ja als Zustimmung verstanden. Dass man lieber etwas anderes getan hätte, konnte er nicht wissen. Man selbst erinnert sich an das Zögern, an die eigenen Pläne und daran, wie ungern man sie aufgegeben hat. Beim anderen ist davon nur angekommen: „Klar, mache ich.“
Beim Nein wird diese Spannung besonders deutlich. Ein Ja braucht selten eine Erklärung. Ein „Nein, heute nicht“ scheint dagegen schnell eine Begründung zu verlangen. Hast du schon etwas vor? Musst du arbeiten? Geht es dir nicht gut? Manchmal fragt das Gegenüber tatsächlich nach. Manchmal beginnt die Rechtfertigung schon, bevor es dazu kommt. Ein Termin lässt sich leichter anführen als der Wunsch nach einem freien Nachmittag. „Ich kann leider nicht“ erscheint weniger heikel als „Ich möchte heute nicht“. So bekommt die Notlüge ihren Reiz: Ein äußerer Umstand macht die Absage scheinbar unvermeidlich. Man hätte ja gern geholfen – leider geht es nicht. Die eigene Entscheidung bleibt verborgen, und mit ihr die Möglichkeit, dass der andere gerade diese Entscheidung ablehnt.
Mit einem „Ich möchte nicht“ wird sichtbar, dass man anders hätte entscheiden können. Der andere kann das schade finden, nachfragen oder den Grund nicht ausreichend finden. Gerade wenn einem die Beziehung wichtig ist, kann das schwer auszuhalten sein. Aus „Heute möchte ich nicht helfen“ wird im eigenen Kopf schnell: „Was bin ich für ein Freund, wenn ich ihn jetzt hängen lasse?“ Dann geht es plötzlich um viel mehr als diese eine Bitte. Man möchte einen freien Nachmittag für sich und fürchtet zugleich, deshalb nicht mehr als guter Freund gesehen zu werden. Mitunter zweifelt man schon selbst daran. Wie viel von dem, was man will, darf man dem anderen eigentlich zumuten? Schon in dieser Frage erscheint der eigene Wunsch als Belastung, die man möglichst klein halten sollte.
Dabei gehört es zum Miteinander, dass unsere Wünsche nicht immer zusammenpassen. Einer möchte Gesellschaft, der andere Ruhe. Einer braucht Hilfe, der andere möchte seine freie Zeit für sich behalten. Dass beides verständlich ist, löst den Unterschied noch nicht auf. Man kann darüber sprechen, nach einer anderen Möglichkeit suchen oder feststellen, dass es heute nicht zusammengeht. Ein Nein kann den anderen enttäuschen, obwohl er einem wichtig ist. Seine Enttäuschung kann einen berühren, ohne dass man deshalb seine Entscheidung zurücknehmen muss. Natürlich spielen auch Zusagen, Dringlichkeit und gemeinsame Verantwortung eine Rolle. Der eigene Wunsch entscheidet nicht automatisch alles. Er gehört allerdings mit in die Abwägung.
Wenn ich inzwischen Nein sage, passiert in mir oft erstaunlich wenig. Ich kann es höflich sagen, respektvoll, manchmal auch erklären. Der andere darf es anders sehen, darf enttäuscht sein, darf versuchen, mich umzustimmen. Manchmal gelingt ihm das sogar, weil mich überzeugt, was er sagt. Daraus wird für mich nicht mehr gleich die Frage, ob ich ein guter Freund oder ein hilfsbereiter Mensch bin. Ich muss auch seine Bitte nicht unverschämt finden, um sie ablehnen zu können. Meistens ist genug Platz für beides. Um es mit dem Buchtitel von Thomas A. Harris zu sagen: „Ich bin o.k. – Du bist o.k.“
Im Gespräch kann sich herausstellen, dass eine Bitte dringender ist als angenommen oder dass die Hilfe weniger Zeit braucht als befürchtet. Man kann erfahren, warum dem anderen etwas besonders wichtig ist, und sich daraufhin anders entscheiden. Die erste Antwort war deshalb nicht unehrlich. Es ist etwas hinzugekommen. Die Hilfe kann weiterhin anstrengend sein, und die Lust darauf muss nicht größer geworden sein. Trotzdem kann man hinter seinem Ja stehen, weil man das, was man erfahren hat, selbst berücksichtigen möchte. Mitunter wird aus einem Nein allerdings auch ein Ja, weil man die Spannung möglichst schnell beenden möchte. Von außen kann beides gleich aussehen. Für einen selbst macht es einen Unterschied, ob man die Entscheidung mittragen kann oder weiterhin Nein sagen möchte und nur hofft, dass mit der Zustimmung endlich Ruhe ist.
„Du weißt ja nicht, was du willst.“ Wie schnell ist dieser Satz gesagt. Und wie wenig wissen wir manchmal darüber, was im anderen tatsächlich vorgeht.