Prokrastination
Auch Aufschieberitis oder schlicht Faulheit genannt. Stimmt das so?
Manchmal lohnt es sich, einen Moment länger hinzusehen. Ich erlebe im Arbeitsalltag an der Rezeption immer wieder Situationen, in denen Dinge liegen bleiben. Nicht, weil sie besonders schwierig wären, sondern weil sie erstaunlich klar sind.
„Den Meldeschein fülle ich später aus.“
„Die Rechnungsanschrift gebe ich Ihnen bei der Abreise.“
Sätze wie diese höre ich häufig. Und meistens sind sie ehrlich gemeint. Der Gast meint nicht nie, sondern jetzt noch nicht. In den meisten Fällen wird der Meldeschein dann tatsächlich nicht mehr ausgefüllt. Nicht aus Absicht, sondern weil der Moment vorübergeht.
Die Aufgabe ist eindeutig. Der nächste Schritt ebenfalls. Eigentlich gäbe es nichts mehr zu klären – und genau das macht sie unerquicklich.
Prokrastination zeigt sich dann nicht als Chaos oder Überforderung, sondern eher als eine stille Verweigerung gegenüber dem, was bereits festgelegt scheint. Formulare, Rückmeldungen, Abläufe – alles ist vorbereitet, alles weiß, was zu tun ist. Nur der Mensch davor ist noch nicht so weit.
Nicht, weil er es nicht könnte. Sondern weil das Tun etwas festlegt. Wer anfängt, übernimmt. Wer abschließt, trägt Folgen. Wer entscheidet, kann sich nicht mehr entziehen.
Das Liegenlassen hält die Dinge offen. Es bewahrt einen Zwischenraum, in dem noch nichts endgültig geworden ist. Vielleicht ist Prokrastination genau das: der Versuch, sich noch nicht festnageln zu lassen. Nicht auf eine Rolle, nicht auf eine Richtung, nicht auf ein Ergebnis.
Dann geht es weniger um Zeitmanagement und mehr um die Frage, wann etwas innerlich stimmig werden kann. Manches beginnt erst dann, wenn der Widerstand nicht mehr bekämpft, sondern ernst genommen wird.
Prokrastination als Zwischenraum
Da ich an der Rezeption immer wieder Prokrastination erlebe – besonders beim Meldeschein –, habe ich mir mit der Zeit eine kleine Praxis angewöhnt. Manchmal schlage ich dem Gast vor, erst einmal anzukommen, ins Zimmer zu gehen, den Koffer abzustellen oder Ähnliches, und den Papierkram später zu erledigen. Oft benenne ich dabei, halb im Scherz, den naheliegenden Grund: dass es gar nicht so leicht ist, sich schriftlich festzulegen – das Ich, das Hiersein, Name, Adresse, Unterschrift, alles auf einmal. „Der Meldeschein läuft uns nicht weg“, sage ich dann manchmal. Meist mit einem Augenzwinkern. Und manchmal passiert dann etwas. Nicht immer. Aber gelegentlich.
Der Moment wird leichter. Ich bin nicht mehr der, der etwas will, der Gast nicht mehr der, der ausweicht. Für einen Augenblick stehen wir auf derselben Seite.
Wenn ich diese Situationen zusammendenke, entsteht für mich ein anderer Blick auf Prokrastination. Es geht dann weniger um Aufschieben im Sinne von Vermeidung, sondern um einen Zustand, der sich schwer einordnen lässt. Denn das, was hier geschieht, ist weder Tun noch Nicht-Tun. Der Vorgang ist klar, der nächste Schritt bekannt – und trotzdem bleibt etwas offen.
Was sich zeigt, ist ein Zustand des Noch-nicht.
Noch nicht festgelegt.
Noch nicht entschieden.
Noch nicht abgeschlossen.
In diesem Zwischenzustand scheint etwas in der Schwebe zu bleiben. Das Tun würde festlegen. Das Nicht-Tun hält offen. Beides ist möglich und gerade darin liegt die Spannung. Prokrastination lässt sich hier weniger als Defizit verstehen, sondern als Aufenthalt an einer schwelle. Als ein Verweilen an einem Punkt, an dem etwas noch keinen guten Ort gefunden hat. Nicht als Ziel, nicht als Lösung – sondern als Durchgang. Im Alltag wirkt das unspektakulär. Es gibt keine offenen Konflikte, keine Auseinandersetzungen. Nur diesen Moment, in dem etwas liegen bleibt, obwohl es möglich wäre, es zu erledigen. Vielleicht lässt sich Prokrastination an dieser Stelle als ein Zwischenraum denken. Ein Raum zwischen Erwartung und Entscheidung. Zwischen Rolle und Person. Zwischen dem, was von außen verlangt wird, und dem, was innerlich getragen werden kann.
Manches beginnt erst dann, wenn dieser Zwischenraum nicht übergangen wird. Nicht, weil er verschwindet – sondern weil er gesehen wird.
Prokrastination und die Paradoxie der Veränderung
Wenn ich diese Situationen weiterdenke, taucht ein Gedanke immer wieder auf: die sogenannte Paradoxie der Veränderung, wie sie vom Gestalttherapeuten Arnold Beisser beschrieben wurde.
Die Idee dahinter ist zunächst widersprüchlich, und gleichzeitig im Alltag gut zu beobachten Veränderung geschieht nicht dadurch, dass Menschen versuchen, etwas anderes zu werden. Sie geschieht dadurch, dass sie anerkennen, wie sie im Moment sind.
Im Umgang mit Prokrastination wird das besonders deutlich. Solange Aufschieben als Defizit verstanden wird – als Faulheit, mangelnde Disziplin oder fehlende Motivation – entsteht Spannung. Der Zustand wird korrigiert, erinnert, eingefordert. Und genau dadurch bleibt er bestehen. Das Aufschieben erfüllt weiterhin eine Funktion: Es schützt, hält offen oder verhindert eine vorschnelle Festlegung.
Erst, wenn dieser Druck nachlässt, verändert sich etwas. Nicht, weil das Verhalten plötzlich „besser“ wird, sondern, weil es nicht mehr bekämpft wird.
Im Arbeitsalltag zeigt sich das unspektakulär. Ein Gast, der den Meldeschein „später“ ausfüllen möchte. Eine Rechnungsanschrift, die „bei der Abreise“ geklärt werden soll. Technisch ist alles klar. Und doch scheint der Zeitpunkt noch nicht passend. Wird hier gedrängt, entsteht Widerstand. Wird der Zustand wahrgenommen, ohne ihn sofort verändern zu wollen, verschiebt sich manchmal etwas von selbst.
Veränderung entsteht dann nicht durch das Streben nach Veränderung, sondern durch die Annahme dessen, was gerade ist
Übertragen auf Prokrastination heißt das: Sie verschwindet nicht, weil man sie loswerden will. Sie verändert sich, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Und sie wird oft erst dann überflüssig, wenn sie gesehen, ernst genommen und nicht mehr bekämpft wird.
In diesem Sinne ist Prokrastination kein Hindernis auf dem Weg zur Veränderung. Sie ist häufig der Ort, an dem Veränderung beginnt – leise, unspektakulär und näher am Alltag, als man zunächst vermuten würde.