Wenn aus Kontakt Begegnung wird
Ich saß mit zweien meiner Schwestern und meiner Frau in einem Hotel am Frühstückstisch. Wir unterhielten uns über das Hotel, als eine meiner Schwestern von einem Self-Check-in erzählte, den sie auf einer beruflichen Reise genutzt hatte. Sie hatte ganz ohne menschliche Hilfe eingecheckt und fand das ausgesprochen angenehm. An diesem Tag hatte sie beruflich viel Kontakt mit Menschen gehabt und viele Gespräche führen müssen. Einen persönlichen Check-in mag sie durchaus. Was ihr nicht zusagt, ist dieses oberflächliche Reden. „Da krieg ich so einen Hals“, sagte sie.
Meine andere Schwester hatte so etwas noch nie gemacht. Schon die Vorstellung war ihr ein Grauen. Sie meinte, dass man ohnehin immer weniger miteinander spräche. Sie hat in ihrem Alltag deutlich weniger beruflichen Kontakt und vermisst da schon die Gelegenheit zu einem Gespräch. Ob daraus dann mehr wird als ein kurzer Austausch, kann sie nicht wissen. Die Möglichkeit ist ihr wichtig.
An diesen unterschiedlichen Reaktionen blieb ich hängen. Einchecken muss man in beiden Fällen. Die Buchung wird gefunden, man bekommt Zugang zu seinem Zimmer. Was darüber hinaus geschieht, kann für die eine eine zusätzliche Anstrengung sein, für die andere eine Gelegenheit, die sie ungern verlieren möchte. Dabei lehnt die eine Menschen ebenso wenig ab, wie die andere bei jeder Ankunft ein ausführliches Gespräch erwartet. Beide sprechen über einen kurzen Vorgang. Was sie darin suchen oder vermeiden wollen, reicht über diesen Vorgang hinaus.
Solche Kontakte gibt es an vielen Stellen. Ein paar Worte an der Kasse, eine Bemerkung, während man gemeinsam auf etwas wartet. Man spricht über das Wetter, den verspäteten Bus oder darüber, dass es heute wieder voll ist. Das kann ermüden, wenn man einen Austausch in Gang hält, zu dem man gerade wenig beitragen möchte. Zugleich erlaubt dieses beiläufige Reden, sich vorsichtig anzunähern. Niemand muss sofort etwas Persönliches preisgeben. Ein Satz über das Wetter kann einfach ein Satz über das Wetter bleiben. Er kann auch der Anfang eines Gesprächs sein, bei dem man gern noch ein wenig stehen bleibt. Vorher lässt sich das kaum wissen.
Die Anzahl der Kontakte sagt deshalb wenig darüber aus, wie jemand sie erlebt. Es macht einen Unterschied, ob man Gespräche führen muss oder sie führen möchte, ob man dabei vor allem für etwas zuständig ist oder selbst etwas einbringen kann. Wer viel Auskunft gegeben und auf andere reagiert hat, wünscht sich anschließend womöglich Ruhe. Oder ein Gespräch, bei dem niemand etwas Bestimmtes von ihm braucht. Wer wenige Gelegenheiten zum Austausch hat, kann dagegen gerade in den beiläufigen Kontakten etwas schätzen, das anderen kaum auffällt. Auch die Situation spielt eine Rolle. Im Treppenhaus ist jemand auf dem Weg zur Arbeit, während der Nachbar gern noch etwas erzählen würde. Die Kürze kann den Austausch leicht und angenehm machen. Für den anderen bleibt bedauerlich, dass er schon wieder endet.
Dabei kann auch ein sachlicher Austausch persönlich werden, ohne dass sich sein Thema verändert. Eine Rückfrage zeigt, dass jemand die Antwort gehört hat. Eine Erklärung wird anders formuliert, weil sie offenbar noch nicht verständlich war. Jemand nimmt sich einen Moment, obwohl das Anliegen eigentlich schon erledigt ist. Das Gespräch bleibt kurz, und doch macht es einen Unterschied, wer da miteinander spricht. Umgekehrt können Menschen lange miteinander reden, ohne viel voneinander mitzubekommen. Einer erzählt, der andere hört darin vor allem das, was er ohnehin erwartet hat. Seine Antwort geht daran vorbei. Auch Nähe und Vertrautheit bewahren nicht immer davor, einander zu verfehlen.
Viele dieser beiläufigen Gelegenheiten verändern sich. An der Selbstbedienungskasse lässt sich ein Einkauf erledigen, ohne mit jemandem zu sprechen. Eine Nachricht kann einen Anruf ersetzen. Das spart Zeit und erlaubt, selbst zu entscheiden, wann man antworten möchte. Zugleich entfällt manches, das nebenbei hätte entstehen können. Am Telefon hört jemand ein Zögern und fragt nach. An der Kasse entwickelt sich aus einer Bemerkung ein kurzer Austausch. Das geschieht längst nicht jedes Mal, und es wird auch nicht von allen vermisst. Wer reichlich Kontakt hat, schätzt womöglich die Entlastung. Wer wenig Gelegenheit dazu hat, verliert etwas, das sich nicht ohne Weiteres an anderer Stelle ersetzen lässt.
Was jemand in einem Kontakt sucht, kann sehr unterschiedlich sein. Auch viele Gespräche können den Wunsch offenlassen, einmal unangestrengt und auf Augenhöhe mit jemandem zu reden. Zugleich kann ein kurzer Austausch willkommen sein, ohne dass daraus mehr werden muss.