Wie lange muss ich der bleiben, der ich einmal war
Es war ein schöner Abend mit alten Freunden. Wir saßen zusammen, erzählten Geschichten und lachten über Dinge, die zum Teil Jahrzehnte zurücklagen. Ein alter Spitzname fiel, eine Begebenheit wurde hervorgeholt, und sofort wusste jeder, wer damals was gesagt oder getan hatte. Und trotzdem merkte ich, dass mich etwas störte. In ihren Geschichten war ich noch immer der von früher. Dabei hatte sich in meinem Leben so viel verändert. Was musste ich denn noch tun, damit sie das sahen? Ich hatte mich mit Dingen auseinandergesetzt, denen ich lange ausgewichen war, manche Überzeugung aufgegeben und manches erst mühsam gelernt. Wenn ich heute anders reagierte, eine Grenze zog oder etwas stehen lassen konnte, das mich früher aufgebracht hätte, lag darin ein Weg, den ich selbst noch deutlich spürte. An diesem Abend schien er kaum vorzukommen. Sie kannten mich doch so lange. Wie konnte ich mich ausgerechnet unter ihnen so wenig gesehen fühlen?
Beim Zurückdenken fiel mir allerdings ein, dass ich selbst eine dieser Geschichten erzählt hatte. Ich wusste noch genau, wie sie ging und an welcher Stelle die anderen lachen würden. Und ich hatte mitgelacht. Es war schön gewesen, so selbstverständlich zusammenzusitzen, ohne lange überlegen zu müssen, was ich sagte und wie es ankam. Ich hatte mich wohlgefühlt in dieser Vertrautheit. Mein Ärger war damit nicht verschwunden. Nur wusste ich nicht mehr so genau, was ich eigentlich von den anderen erwartet hatte. Ich hatte ihnen wenig von dem erzählt, was mich heute beschäftigte, und war selbst rasch in unseren alten Umgang zurückgekehrt. Diese Unbeschwertheit hatte mir gutgetan. Hier musste ich mich nicht erklären. Offenbar hatte ich gehofft, dass auch meine Veränderung ohne Erklärung auskommen könnte. Dass sie etwas bemerkten, ohne dass ich darauf hinweisen musste.
Und was genau sollten sie sehen? Dass mir die eine oder andere Begebenheit heute noch unangenehm war, auch wenn sich darüber längst eine gute Geschichte erzählen ließ? Nicht jede Erinnerung hatte für mich dieselbe Leichtigkeit wie für jemanden, der dabei gewesen war. Ich konnte mitlachen und zugleich hoffen, dass mir niemand mehr zutraute, mich heute noch genauso zu verhalten. Manchmal hörte ich aus den Geschichten ein „So bist du eben“ heraus, obwohl das keiner gesagt hatte. Dabei wussten die anderen auch, dass ich damals in der einen oder anderen Situation danebengelegen hatte. Nur erzählten sie davon mit einer Unbeschwertheit, die ich selbst noch nicht ganz hatte. Sie lachten mit mir. Ich musste nichts erklären oder zurechtrücken. Was geschehen war, gehörte zu unseren Erinnerungen. Und ich saß bei ihnen und gehörte dazu.
Diese Unbeschwertheit wollte ich auch genießen. Mein Spitzname war mir lieb, und ich erzählte die alten Geschichten gern mit. Es tat gut, für einen Abend wieder so ausgelassen sein zu können. Ich musste nicht darauf achten, ob in jeder Bemerkung auch der Mensch zu erkennen war, der ich heute bin. Manches würde ich nicht noch einmal so machen. An diesem Tisch musste ich das niemandem versichern. Die anderen erwarteten es auch nicht von mir. Sie kannten diese Geschichten und kannten mich seitdem weiter. Ich konnte mich bei ihnen angenommen fühlen und an einzelnen Stellen trotzdem wünschen, dass etwas von meinem heutigen Leben mehr Raum bekam. Während ich zuhörte und erzählte, machte ich mir darüber wenig Gedanken. Erst hinterher beschäftigte mich, wie beides an diesem Abend zusammengekommen war: die Freude, wieder so vertraut miteinander zu sein, und mein Widerwillen, darin noch immer der von früher zu sein.
Auch bei meinen Freunden glaubte ich ziemlich genau zu wissen, mit wem ich zusammensaß. Wer widersprechen würde, wer eine bestimmte Geschichte erzählen und wer an welcher Stelle lachen würde. Ich freute mich, wenn es so kam. Wie viel Veränderung hätte ich selbst an diesem Abend bemerkt? Hätte ich sie bemerken wollen, wenn sie unseren vertrauten Umgang unterbrochen hätte? Auch die anderen hatten Jahre hinter sich, von denen ich nur Ausschnitte kannte. Manches hatte ich gehört und in das eingefügt, was ich längst über sie zu wissen glaubte. Bei anderem hatte ich gar nicht weitergefragt. Ich hatte mich darüber gefreut, wie vertraut sie mir noch waren. Für meine eigene Veränderung wünschte ich mir einen aufmerksamen Blick; an ihnen genoss ich vieles, das ich wiedererkannte. Wenn ich an unser nächstes Treffen denke, muss ich jetzt schon schmunzeln. Manche Geschichte wird wieder erzählt werden, und ich werde vermutlich selbst eine beisteuern. Ich freue mich auf diese Menschen, auf unser Lachen und die Vertrautheit zwischen uns. Es ist schön, manchmal wieder der von früher sein zu dürfen, ohne darauf festgelegt zu sein.